Ferienparadies

12. August 2018

Mehr aus dem Paradies versprach sich J. L. aus B. und hier kriegt er es:

Morgens um 6.30 Uhr donnert mit handgestoppten 93 Dezibel der Wildkrautkehrer vorbei. Selber noch immer autodröhnend kann ich schlaftrunken «Moderne Verkehrswege brauchen innovative Reinigungstechnik» erkennen, bevor der Ehekrach des Thüringer Pärchens direkt nebenan «Wie soll ich entspannen, wenn ich immer alles mache?!» die Kakophonie perfektioniert. Aufm Balkon gackert derweil deren Riesenküken, das sich blendend mit den Geranienkästen versteht.

Der Berufsfeuerwehrmann im Haus über uns löscht bereits am Nachmittag mit ordentlich Weizenbier seinen beissenden Durst, abends hört und sieht er dann selig ausdauernd dem Kaiser Roland aufm Handy zu («DichzuliebendichberührenmeinVerlangendichzuspüren»), während ich die Sommermilchstrasse bewundere — seit bestimmt 10 Jahren nimmer so klar und deutlich den Mittelpunkt der Galaxie beäugt und nehme gerne Genickstarre in Kauf ob des imposanten Wow-Effekts. Milchstrassenbeobachtung quasi Pflichttermin bei Neumond und fehlender Lichtverschmutzung. Anderntags ist die Feuerwehrmannfrau etwas angesäuert aufgrund des Konsums zu vieler Plastikflaschenbiere, jaja das sei durchaus ein Problem von dem Brandlöscher und eben nicht nur im Urlaub. Nun, Ehecoaching bzw. Drogenberatung ist momentan lieber nicht mein drängendste Thema und ich melde schleunigst eigenen Bierdurst an. Dem voll zustimmend gähnt das örtliche Freibad angenehm leer.

Die niederländische Fraktion im Feriendomizil muss man nicht verstehen, wenn man nicht will, ein Teil davon gehört eher der roséfarbenen Cüpplifraktion an und scheint von wilden Bierbären nie gehört zu haben. Der Hofbauer hat nämlich mittlerweile einen Getränkeschrank im Keller aufgestellt und dabei einen ganz speziellen Fang gemacht:

Würzig aber mit fast 6% Alkohol zwar vielleicht nicht der ideale Durstlöscher, aber der passender Begleiter eines Kirchenmannes allemal. Zudem kann man derart gedopt auch am Tage himmlisch kontemplieren.

Und so gehen die Tage, Wolken und Sterne viel zu schnell hin und weg ist die schöne Freizeit. Die Hoftiere sind bestimmt erleichtert, wenn sie vor den kindlichen Plagegeistern wieder Ferien haben, und nicht der Bauer selbst sie durch mittägliches Stallverbot schützen muss.

Natürlich haben wir fürs nächste Jahr unseren Platz im Paradies bereits wieder reserviert. Und für Bruno auch! Der liegen gebliebene Streuner wird in Bälde aus einem Offenburger Burgerladen evakuiert und als wieder auferstandener Bierbär karmatechnisch betrachtet hochprofitabel gegen einen völlig harm- und zahnlosen Heimatroman eingetauscht…

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Premier Août

1. August 2018

SGG Sitzkissen

Heuer wurde die Landeshymne auf dem Rütli sogar auf Gebärdensprache intoniert, welche vor dem anwesenden Bundespräsidenten als künftig zusätzliche Landessprache gefordert wurde. Multilingualweltmeister CH.

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Wurst macht Kunst

29. Juli 2018

Das Zürcher Wurstessen von 1522 als gewollter Fastenbruch war historisch betrachtet der öffentlich wirksame Beginn der Reformation in der Eidgenossenschaft. Zwingli & Co. gingen in der Sache und Folge um einiges radikaler als deren lutherische Kollegen im Norden vor: Bildersturm und Säkularisierung von Kirchenräumen nebst Gottesdienst waren weit verbreitet, selbst Orgeln wurden demontiert und kirchlicher Gesang vorerst eingestellt. Dafür wird Armenspeisung aus dem Mushafen obligatorisch, teilweise finanziert aus den Pfründen aufgelassener Klöster.

Generell tendierte die Reformation weg vom Bild und hin zum Wort, quasi fundamental orthodox dem ersten und zweiten mosaischen Gebot werktreu folgend, wo Götzendienst und Verbildlichung untersagt werden.

Sowieso hat es mit interpretatorischer Visualisierung so seine Art, wie etwas später ein gewisser Herr Keuner für sich feststellen sollte:

«Was tun Sie», wurde Herr K. gefragt,
«wenn Sie einen Menschen lieben?»
«Ich mache einen Entwurf von ihm», sagte Herr K.,
«und sorge, dass er ihm ähnlich wird.»
«Wer? Der Entwurf?»
«Nein», sagte Herr K., «der Mensch.»

Bertolt Brecht, Wenn Herr K. einen Menschen liebte

Gemäss einer kompakten Analyse der geistreichen Literatur- und Religionswissenschaftlerin Dolores Zoe Bertschinger war der Zürcher Bildersturm allerdings eher eine Art sozialverträglicher Bildentfernung:

«Die reformatorische Ablehnung des Bildes war kein eigentliches Bilderverbot, sondern bezog sich primär auf die damals gängige Verehrungspraxis. (…) Zum einen herrschte im 15. und 16. Jahrhundert eine wahre Übersättigung der Kirchen an Kultobjekten, deren Unterhalt teuer war. Die edlen Gerätschaften, das Wachs und das Öl wurden vom Zehnten des Volkes bezahlt, sodass das reformatorische Zeremoniell als ökonomischer Befreiungsschlag propagiert werden konnte. (…) Wo zuvor Gemeinden und Stiftungskollektive Altäre und Schreine finanziert hatten, traten nun Familien auf den Plan, deren finanzielle Grosszügigkeit von reformatorischer Seite als Ehrsucht und privates Heilskalkül verurteilt wurde. In Bezug auf die künstlerische Darstellungen erregten die als Folge der Renaissance verstärkt naturalistische Darstellungen die Gemüter. Die freizügigeren Abbildungen der Muttergottes etwa boten der reformatorischen Sittenlehre einen geeigneten Nährboden.»

So weit, so klar: beeinflusst durch die italienische Renaissance entstand zunehmend individualistische Kunst anstatt der ehedem vorwiegend religiös bestimmten. Ein scheinheiliges aber reiches Kamel kommt halt eher durch ein Nadelöhr. Das gesellschaftliche Sein bestimmt immer das Bewusstsein. Aus Kultus wird also Kultur. And don´t you ever forget:

Sex sells.

Derweil gelang es der hiesigen Reformation soziale Komponenten clever mit der Glaubensfrage tagesaktuell zu verflechten:

«Zur Zeit der Reformation ist von einer Massenarmut auszugehen, was erklärt, wie sich die Bilderstürmer mit dem Argument legitimieren konnten, man wolle den Reichtum der kirchlichen Gerätschaften für die Armen aufwenden.»

Erst kommt das Wurstessen, dann die Moral und dann erst das Ich:

«Mit der Subjektivierung des Menschen in der Renaissance und der Reformationszeit wurde auch das Bild aus seiner kultischen Verehrung entlassen und nach und nach zum Kunstwerk (v)erklärt.

Die Reformation entpuppt sich damit zugespitzt als Schrittmacher der Institutionalisierung von Kunst — hin zu einem vermeintlich säkularisierten Kunstraum. Fortan mass sich das Potenzial der Kunst nicht mehr an ihrer verständlichen Anschaulichkeit, sondern musste vor dem Auge des Kenners bestehen. Gebändigt im Ausstellungsraum wurde das aufrührerische Potenzial des Bildes in die Harmonie der gesitteten Betrachtung überführt.»

(D Z Bertschinger, Vom Zerstören und Schaffen von Ikonen. Paul Polaris’ 
Kunstaktionen im Kontext reformatorischer und dadaistischer Bilderstürme 
in Zürich, in: Notz, Adrian (Hg): Invent the Future with Elements of the Past, 
Zürich: Scheidegger & Spiess 2015, 102–120)

Irre. Nach Bildersturm die Bilderflut. Resonanz ist reine Dialektik Rosa.


Vollpfosten

2. Juli 2018

Trotz Schlandunter bleibt die tonangebende Farbgebung heimathorstig.


Herzschlag

24. Juni 2018

Das Schwein Eisenherz lebt, hängt und arbeitet:


Mann|schafts|geist

22. Juni 2018

«Sollte nicht besser Ansgar den Erich fest in Manndeckung nehmen?» «Was hat eine bedauernswerte 13-jährige Laura im testosteronhaltigen Mannschaftssport bloss verloren?» Das Bistum Essen hat sich bereits vorab höllisch Gedanken gemacht und bietet zudem alternative Bildli an:

Während ein einziger Heiliger für alle fünf muslimische Teams ge­samt­haft zuständig ist, hat der grosse Kanton gleich drei Joker im Spiel! Fair Play geht anders und ob der Video-Assistent am Jüngsten Gericht da ein Auge zudrückt? Zudem kickt ein Mohammed gerne göttlich schwindelig, wofür der selige Salah im Bistum Basel früher gerne ausgiebig bestaunt wurde…


Herz bebt

16. Juni 2018

Auferstanden aus zwei Birken und der Zukunft zugewandt,
lass uns Dir zum Guten schlagen: bumbumtschak im Herzenland!

Herzland, Schrottherz, Herz SO36

Die Metall gewordene Folklore aus den 80ern findet wieder Platz: das olle Ding schlägt erneut für alle — Infos für Einheimische und Besucher dort.


O Tannenbaum, O Tannenbaum

13. Dezember 2017

O Tannenbaum

dein Kleid will mich was lehren:
Die Hoffnung und Beständigkeit
gibt Trost und Kraft zu jeder Zeit!

Praystation

1. Dezember 2017
Endlich: Kirche wird Kunst. Ab Mitte Dezember in Zürich.

The Chruch, Pruitt


Delikat Essen LXXII

23. November 2017

Wiederum ein ziemlich bemühtes Highlight aus der SVP-Werbeschmiede:

Wurstessen, SVP

Obwohl eher der Cervelatfraktion zugeneigt, bleibt eine Bratwurst ob mit oder ohne OLMA beim Sternen-Grill am Zürisee immer ein Erlebnis — hoffentlich.