Just a bug

24. Mai 2018

Aus noch unbekannten und nicht völlig geklärten Gründen wurde mein Handyanschluss erst von allen ausgehenden Anrufen und Nachrichten unvermittelt abgeklemmt. Zunächst konnte der Apparat noch Telefonate und Nachrichten empfangen und war so immerhin noch Teil des gesprächsbereiten Kosmos. Als kurz darauf dann auch sämtliche eingehenden Signale abgeschaltet wurden (à la «kein Netz»), fühlte sich dies schon etwas arg seltsam an. Sozialkredit überzogen? Ach Zukunft.

Bug, Goldglänzender Rosenkäfer

Dem digitalen Nomaden ist im ersten Moment keineswegs klar, welcher Pfad durch dieses unendlich erscheinende Funkloch führen soll, bevor sich abermals ein kommunikatives Wasserloch auftut, in dem er endlich wieder geborgen im endlosen Geblubber beglückt aufgeht. Erst durch den Verlust der mobilen Unabhängigkeit wird deutlich, wie abhängig man von dieser ist. Keine 2-F-Authentifizierung, keine kurzfristige Verabredung, kein empfangsbereites Vagabuntentum, kein Fastgarnichts. Gross genug um noch die gute alte Zeit der handapparatlosen Verbindlichkeiten zu kennen, weiss ich, dass temporärer Netzverlust nicht das absolute Inferno ist, doch genau so fühlt es sich an. Zumindest nach drei Tagen schon. Allmählich entnervt und nicht mal die eigene Festnetznummer kennend wird deutlich, dass es ohne funktionierende SIM nicht wirklich geht in dieser doch sehr fragil angelegten Simulation. Es ist sicherlich kein Weltuntergang, keine erdgewande Sonneneruption, kein Meteoriteneinschlag oder präsidialer Fehlgriff, sondern ein schlichter Einzelfail frei nach Murphy’s Law, ein nur ganz kleiner und unscheinbarer aber entlarvend schöner Bug, der jedoch mächtig wurmt.

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Abdankung

5. Februar 2017

Danke schaffte es 1963 in die Deutschen Hitparade. Gerne trällerte ich bereits im Kindergarten dieses vermeintlich schlichte Liedchen. Dank der Christoph-Marthaler-Singgruppe wurde hier früher schon in ganzer epischer Breite gedankt — nun hat der Komponist leider abgedankt.

Danke.

Text und Musik: Martin Gotthard Schneider 1930-2017


Feierabend

16. Januar 2017

Franz Jarnach, Dittsche


Qualitativer Umschlag

14. Oktober 2015

Im aktuellen Schweizer Wahlkrampf hat die SVP wie immer das nötige Kleingeld für ihre Gaga-Propaganda. Sachthemen sind out, alberne Wahlspots in. Im September hatte die volkstümlich auftretende aber von Milliardären gesteuerte und finanzierte Partei den Titel einer Pendlerzeitung für ihre Banalitäten nebst üblicher Angstmache gebucht.

Jetzt wurde von über 12000 Crowdfundern dagegen gehalten und Titel plus Seite 2 gekauft:

Mir langets, SVP, Wahlkampf Schweiz 2015, CH Wahl 2015, Wahlwerbung

Offener Brief an die Chefredaktion des 20 Minuten

Ich gratuliere Ihnen! Heute, am 14. Oktober 2015, haben Sie es nach all den Jahren geschafft, eine gute Titelseite zu publizieren; erhellend ist, dass Sie für dieses Gelingen 138’531 Franken einstreichen und dass dieser geglückte Umschlag direkt an Ihr Versagen geknüpft ist. «Grundsätzlich» könne jede Partei inserieren und den Umschlag buchen, so formulierte es Ihr Sprecher Christoph Zimmer. Vielen Dank! Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich das die meisten Parteien nicht leisten können. Ein trocken zynischer Satz also? Nicht nur. Das Brisante liegt vielmehr im Wort «grundsätzlich». Man kann buchen, egal wer, egal was, «grundsätzlich» ist alles möglich, Hauptsache, der Batzen stimmt. Wir wissen um die Unsentimentalität des Kapitalismus, aber wie steht es mit Ihren Grundsätzen? Der Gebrauch des Wörtchens «grundsätzlich» weist geradezu obszön auf die Abwesenheit von Grundsätzen hin. Journalistische Ethik? Eine demokratische Grundsatz-Diskussion, ob es (in Zeiten des Wahlkampfes) vertretbar ist, den Umschlag zur «Buchung» freizugeben? Es steht jedenfalls fest, dass Sie sich an eine hetzerische Ideologie verkauft haben, deren Kaufkraft eine eminente Macht bedeutet; die Ideologie ist (auch) das, was sie zu kaufen vermag. Sie sind also – ohne eine Haltung zu haben – zum Steigbügelhalter des Populismus geworden, dafür müssen Sie sich verantworten. Fairerweise muss ich sagen, dass in Ihrem Fall wenigstens klar ist, dass Sie gekauft worden sind. Andere Zeitungen und Zeitschriften sind diesbezüglich schwieriger zu «lesen», das heisst, im Normalfall wird der brisante «Zusatzstoff» bei Medienprodukten nicht deklariert – warum eigentlich nicht? Aber diese Frage stelle ich jetzt an die Chefredaktion des «Du».

© Melinda Nadj Abonji, Zürich, Oktober 2015