Ein Herz aus Paprika

1. Februar 2017

Es war im Winter 1982, als sich die Westberliner Luft mal wieder kaum vom Odeur der die Viermächte-Insel beinahe zu fest umschlingenden DDR unterschied. Smog-Alarm bei Inversionslage war an der Tagesordnung: «Achtung, Achtung, hier spricht die Berliner Polizei. Zur Zeit herrscht Smogalarm der Warnstufe 1 — vermeiden Sie anstrengende Tätigkeiten im Freien, halten Sie die Fenster geschlossen und verzichten sie auf Autofahrten» plärrte die surreal wirkende Botschaft aus den Lautsprechern der Polizeifahrzeuge. Die Kohleheizung via Allesbrenner oder Kachelofen war quasi Standard-de-Luxe, und ob nun Union oder Rekord kremiert wurde war den bodennahen Atmosphärenschichten total schnuppe. Drehte der Wind zudem auf Südost wurde es katarrhisch. Dunkel, dunkler, Berlin. Schwarz war sowieso en vogue, und Kreuzberg ein heimlich schwarzes Loch, welches Unmengen an Energie aufsog und verbrauchte, um ab und an einen irisierend funkelnden Neutronenstrahl ins Nirwana zu senden.

Herz aus Paprika, Zweifel Chips, Paprika Chips

Im avantgardistischen Sprachlabor SO 36 an der Oranienstrasse waren Alexander von Borsig, Die Tödliche Doris und SPK angekündigt. Nice try! Alexander war ein talentierter, gerade siebzehnjähriger Krachmacher, Effektgeräte und Gitarre waren seine Werkzeuge. Mit Die Tödliche Doris hatte ich noch als Wessi durch deren Maxi „Sieben tödliche Unfälle im Haushalt“ eine Geistesverwandtschaft. Meine kleine Schwester war von jener Schallplatte tief fasziniert, auf der lakonisch vom ungemein banalen aber letalen Unglück berichtet wurde. Jene Artcombo benamte übrigens die damals stilbildende und unerhört frische Musik-Kategorie mit dem Terminus Geniale Dilettanten. Der Headliner SPK wurde als Sozialistisches Patienten Kollektiv, Surgical Penis Klinik und was auch immer in der Industrial Scene dechriffiert. Nicht ganz das Niveau von Klassenprimus Throbbing Gristle, nicht so brachial-germanisch wie die Einstürzenden Neubauten und auch kein antrainiertes Pathos à la Test Department, aber dennoch innovativ — war das noch industriell oder schon tänzelnder Echno? Und laut genossen tönten die synthetisierten Schallwellen mit einer enormen psychedelischen Wirkung dank Korg, Sampler & Co..

Down under rulez. Foetus, Swans, Severed Heads, Höhlennick, SPK.

Das Konzert selbst war fein, es steigerte sich konsequent über die beiden Vorgruppen bis zur Hauptattraktion. Alexander wurde noch mit Bierdosen beworfen, die Doris als Lokalmatador leidlich aktzeptiert und das ungeduldige Warten auf SPK fast endlos. Erstmal tüchtig anheizen, wa. Bloss der irrlichternde Typ neben mir drehte mehr und mehr ab, machte einen auf Pogo und suchte permanent Körperkontakt. Der hatte eindeutig die falsche Pille intus und bei seinen immer spastischer werdenden Zuckungen riss er mir absichtlich einen Knopf vom Ledermantel ab. Zugegeben, ich war selber auch nicht ganz nüchtern, doch überwog bei mir das transzendente Schwanken zwischen Irritation und Faszination, als der SPK-Frontmann seiner einen schwarzen Body tragenden Bühnenpartnerin mit einem blutigen Hammelschädel den Oberschenkel rauf und runter fuhr. Klar war der Schädel vom türkischen Schlachter ausm Kiez. Klar hinterliess das Spuren, nicht nur auf den Netzstrümpfen. Dazu der horrende Schallpegel, die übliche stark sauerstoffreduzierte SO 36-Luft und die angestrengte aber unbedingt aufrecht zu erhaltende eigene Coolness mit ihrer hoffentlich deeskalierenden Aussenwirkung. Fremdes Blut hatte ich im OP schliesslich schon genug gesehen.

All das war weit weg, doch als das Werbeplakat für Zweifel-Chips meine Netzhaut belichtete, kam die Erinnerung. Wie ein Herz aus Paprika! Vom limbischen System längst verbucht und in gewundenen Hirnlappen zwischengelagert. Das Internet aber dokumentiert alles routiniert. Wie radebrechte Problemtänzer Wolfgang Müller damals in der Echtwelt?

«Nylonstrümpfe werden steif durch getrocknetes Blu-ut.
Das Taktgefühl geht im Krieg verloren.
Lieber gar kein Herz, als ein Herz aus Paprika!»

Prophetisch poetisch.

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Homerun

20. August 2014

Futschi, Futschi Berlin, Lausitzer Platz, Kegler Eck

Wenn ein BVG-Chauffeur an der Bushaltestelle Waldemarstrasse beim Einstieg keinen Cent für den Trip zum Ostbahnhof nimmt und lediglich lässig ein „ist schon ok“ fallen lässt, dann verspürt man als Hobby-Tourist mit Übergepäck schiere Hochachtung für die gepflegte Gastlichkeit im Herzen Kreuzbergs. In einer durch stete Frischblutzufuhr geradezu jungbrunnenhaft erscheinenden Metropole ist der banale Alltag niemals unproblematisch, nichts­des­to­trotz überrascht die stoische Abgeklärtheit der Alteingesessenen angesichts der zahllosen feierwütigen Touri-Horden.

Futschi rulez.