Postkapitalismus

17. Dezember 2016

presale

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Kapitalion

1. September 2016

Walter Benjamin (gestorben 1940 auf der Flucht vor den Nazis, im spanischen Grenzort Port Bou) war ein deutscher Philosoph, Kulturkritiker und Übersetzer der Werke von Balzac, Baudelaire und Marcel Proust.

Das folgende Fragment stammt aus dem Jahre 1921 und behandelt die Parallelen und Unterschiede zwischen Kapitalismus und Religion in der Moderne.

Im Kapitalismus ist eine Religion zu erblicken, d.h. der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die so genannten Religionen Antwort gaben. Der Nachweis dieser religiösen Struktur des Kapitalismus, nicht nur, wie Weber meint, als eines religiös bedingten Gebildes, sondern als einer essentiell religiösen Erscheinung, würde heute noch auf den Abweg einer maßlosen Universalpolemik führen. Wir können das Netz in dem wir stehen nicht zuziehn. Später wird dies jedoch überblickt werden.

Drei Züge jedoch sind schon in der Gegenwart an dieser religiösen Struktur des Kapitalismus erkennbar. Erstens ist der Kapitalismus eine reine Kultreligion, vielleicht die extremste, die es je gegeben hat. Es hat in ihm alles nur unmittelbar mit Beziehung auf den Kultus Bedeutung, er kennt keine spezielle Dogmatik, keine Theologie. Der Utilitarismus gewinnt unter diesem Gesichtspunkt seine religiöse Färbung. Mit dieser Konkretion des Kultus hängt ein zweiter Zug des Kapitalismus zusammen: die permanente Dauer des Kultus. Der Kapitalismus ist die Zelebrierung eines Kultes sans rêve et sans merci. Es gibt da keinen „Wochentag“, keinen Tag der nicht Festtag in dem fürchterlichen Sinne der Entfaltung allen sakralen Pompes, der äußersten Anspannung des Verehrenden wäre. Dieser Kultus ist zum dritten verschuldend. Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus. Hierin steht dieses Religionssystem im Sturz einer ungeheuren Bewegung. Ein ungeheures Schuldbewußtsein das sich nicht zu entsühnen weiß, greift zum Kultus, um in ihm diese Schuld nicht zu sühnen, sondern universal zu machen, dem Bewußtsein sie einzuhämmern und endlich und vor allem den Gott selbst in diese Schuld einzubegreifen, um endlich ihn selbst an der Entsühnung zu interessieren.

walter-benjamin-geduld

Diese ist hier also nicht im Kultus selbst zu erwarten, noch auch in der Reformation dieser Religion, die an etwas Sicheres in ihr sich müßte halten können, noch in der Absage an sie. Es liegt im Wesen dieser religiösen Bewegung, welche der Kapitalismus ist, das Aushalten bis ans Ende, bis an die endliche völlige Verschuldung Gottes, den erreichten Weltzustand der Verzweiflung auf die gerade noch gehofft wird. Darin liegt das historisch Unerhörte des Kapitalismus, daß Religion nicht mehr Reform des Seins sondern dessen Zertrümmerung ist. Die Ausweitung der Verzweiflung zum religiösen Weltzustand aus dem die Heilung zu erwarten sei. Gottes Transzendenz ist gefallen. Aber er ist nicht tot, er ist ins Menschenschicksal einbezogen. Dieser Durchgang des Planeten Mensch durch das Haus der Verzweiflung in der absoluten Einsamkeit seiner Bahn ist das Ethos das Nietzsche bestimmt. Dieser Mensch ist der Übermensch, der erste der die kapitalistische Religion erkennend zu erfüllen beginnt. Ihr vierter Zug ist, daß ihr Gott verheimlicht werden muß, erst im Zenith seiner Verschuldung angesprochen werden darf. Der Kultus wird von einer ungereiften Gottheit zelebriert, jede Vorstellung, jeder Gedanke an sie verletzt das Geheimnis ihrer Reife.

Die Freudsche Theorie gehört auch zur Priesterherrschaft von diesem Kult. Sie ist ganz kapitalistisch gedacht. Das Verdrängte, die sündige Vorstellung, ist aus tiefster, noch zu durchleuchtender Analogie das Kapital, welches die Hölle des Unbewußten verzinst. Der Typus des kapitalistischen religiösen Denkens findet sich großartig in der Philosophie Nietzsches ausgesprochen. Der Gedanke des Übermenschen verlegt den apokalyptischen „Sprung“ nicht in die Umkehr, Sühne, Reinigung, Buße, sondern in die scheinbar stetige, in der letzten Spanne aber sprengende, diskontinuierliche Steigerung. Daher sind Steigerung und Entwicklung im Sinne des „non facit saltum“ unvereinbar. Der Übermensch ist der ohne Umkehr angelangte, der durch den Himmel durchgewachsne, historische Mensch. Diese Sprengung des Himmels durch gesteigerte Menschhaftigkeit, die religiös (auch für Nietzsche) Verschuldung ist und bleibt, hat Nietzsche präjudiziert.
Und ähnlich Marx: der nicht umkehrende Kapitalismus wird mit Zins und Zinseszins, als welche Funktion der Schuld (siehe die dämonische Zweideutigkeit dieses Begriffs) sind, Sozialismus.

(aus: Walter Benjamin: Kapitalismus als Religion [Fragment], in: Gesammelte Schriften, Hrsg.: Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, 7 Bde, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1. Auflage, 1991, Bd. VI, S. 100 – 102)


Kuschelgesellschaft

1. Mai 2016

Heile Welt, Heidi Welt


Zeitnot

14. Dezember 2015

Das Fortschrittsversprechen hält nicht mehr – der Widerspruch von Beschleunigung und Zeit entzweit den modernen Menschen. Technischer Fortschritt wird zwar gerne als Zeitgewinn beworben und doch lässt sich die Zeit nicht sparen oder vermehren, sondern bloss verdichten. Mehr tun in weniger Zeit lautet die Devise. Der Zeitdruck in Beruf und Freizeit nimmt dramatisch zu: beispielsweise spart Email zunächst vermeintlich Zeit, was aber in der Folge schon rein mengenmässig ins Absurde gekehrt wird; technische Apparaturen dienen nicht nur der Beschleunigung von Arbeitsabläufen sondern auch deren Vervielfältigung. In der Freizeit gilt das Primat der Selbstoptimierung und sogar Entschleunigung wird so zum Stress. Jedwede gesellschaftliche Resonanz tritt folglich mehr und mehr in den Hintergrund.

Once I had a love and it was a gas
Soon turned out to be a pain in the ass
Seemed like the real thing, only to find
Mucho mistrust, love’s gone behind

Die Verheissung namens Fortschritt wird zum Zwang: falls man sich nicht optimiert, effizient aufstellt, eine Strukturanpassung durchführt, ist man der Konkurrenzsituation nicht gewachsen. In einer wettbewerbsbasierten Gesellschaft herrscht notorische Unruhe, so dass Angst ein Hauptantriebsfaktor ist, der einen auf die Akkumulationsschiene treibt.

Für Soziologe Hartmut Rosa ist das kapitalistische Wirtschaftssystem ursächlich für die dramatische Beschleunigung seit dem 18. Jahrhundert. War dessen Versprechen vor allem Bedürfnisbefriedung und ein besseres Leben, was noch für jede Elterngeneration bezüglich der Zukunft ihrer Nachkommen gesellschaftlicher Konsens war, so zeigt sich heute, dass durch steigendes Wachstum selbstzerstörerische Kräfte freigesetzt werden. Nicht nur in der Umwelt entstehen irreparable Schäden, sondern auch im Menschen, wenn er zunehmenden Zeitdruck nicht mehr standhält.

«Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Tätigen, das heißt die Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehört deshalb zu den notwendigen Korrekturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muss, das beschauliche Element in großem Maße zu verstärken.»

(F. Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches – Chemnitz 1878)

Burning Candle, Kerze brennt an zwei Dochten, Double Burning Candle

Die Turbogesellschaft leidet unter Zeitdruck, die Zeit geht scheinbar aus, weil durch technische Beschleunigung mehr Welt möglich erscheint, jeder Arbeits- und Urlaubsplatz dank Auto, Bahn oder Flugzeug jederzeit erreichbar ist. Zugleich wird Zeit zum knappen Gut und die herrschende Grundorientierung immer absurder: noch mehr tun, noch effektiver mit der Zeit haushalten und dennoch geht man am Ende des Tages immer öfter als schuldbewusstes Subjekt zu Bett, da meist Aufgaben und Dinge bleiben, die man nicht erledigt hat, abgesehen von der permanent wild wuchernden alltäglichen To-do-Liste. Erhaltung durch Akkumulation und Steigerung ist das grosse Paradoxum im Kapitalismus, bereits Stillstand bedeutet ökonomischen Abstieg im gesellschaftlichen wie persönlichem Rahmen.

Atomzeit

Gemäss Hartmut Rosa war Wissen für die allermeisten Kulturen wie ein wohl behüteter Schatz: von der Nahrungssuche über kultische Handlungen bis zur Vorratshaltung wurde dieser Schatz einst umsichtig tradiert. In der Moderne wird aus dem Wissenschatz die Wissenschaft, eine Dynamisierung, welche es nicht darauf anlegt Wissen zu transportieren, sondern viel mehr Fragen stellt als beantwortet. Dies ist ein völlig neues Konzept von Wissen, Forschung wird wichtiger als Lehre, das Weitergeben von Wissen. Die Wissen*schaft* lebt davon, dass sie fortlaufend neue Fragen stellt, neue Ergebnisse und Erkenntnisse erzielt, Grenzen des Gewussten systematisch ausweitet. Rosa zufolge war für den beginnenden Beschleunigungsprozess jene Änderung der institutionellen Grundstruktur massgeblich, nämlich dass nur durch Steigerung die gesellschaftliche Formation erhalten werden könne.

Die einstige Hoffnung, die Grundangst ökonomischer Knappheit durch das kapitalistische Wirtschaftssystem aufzulösen ist heutzutage einer neuen Existenzangst gewichen, der mittlerweile globalisierte Existenzkampf verursacht hierbei noch mehr zeitlichen Druck. Dieser aber wirkt nicht nur von aussen, sondern fordert nach der Optimierungslogik auch andauernd das Beste aus sich selbst heraus zu holen. Entfremdung, der Zwang nach mehr Weltverfügung steigt durch technischen Fortschritt: Aneignung, Optimierung und Ansammlung sind Anforderungen und Stressfaktoren zugleich. Jene Beschleunigung kann bewirken, dass die Welt unnahbar fremd und leer, fast schon als totes Material erscheint, es fehlt der Zugang und winkt der Burnout.

Weltzeit

Die moderne Angst, quasi den Faden zur Welt zu verlieren, obwohl man sie zu kennen und zu beherrschen meint, hält Esoterikboom und Fundamentalismus den Steigbügel; diese sind bei jeder Ungewissheit sofort zur Stelle: ohnehin findet emotional aufgeladene und überladene Symbolik gerade dort ihr Zielpublikum und bietet allerlei Versprechungen.

Jedwedes Resonanzverhältnis aber ist ähnlich der Kommunikation aufgebaut: ein Buch quer zu lesen spart Zeit, doch fehlt dabei die Anverwandlung. Damit das Buch mich tatsächlich erreicht, berührt, etwas in mir bewirkt, muss ich mir Zeit nehmen, zulassen, dass überhaupt eine Resonanzbeziehung entstehen kann. Dasselbe gilt für die Rezeption von Musik, das Geniessen der Natur, die zwischenmenschlichen Beziehungen überhaupt — der Faktor Zeit bleibt allgegenwärtig und in der Tat bestimmend.


Machtfrage

6. Juli 2015

Als sich einst West- und Ostblock noch mächtig konkurrierten, war ein soziales Feigenblatt für die freie Marktwirtschaft zugleich dekorativ und zweckdienlich. Der real existierende Kapitalismus moderner Prägung will sich aber einen Wohlfahrtsstaat à la Sozialdemokratie immer weniger leisten.

Denlmal der Arbeit,Arbeiter, ProletariarerallerLänder, Zürich, Karl Geiser, Helvetiaplatz, Arbeiterdenkmal
Karl Geiser (1898–1957), «Denkmal der Arbeit»,
1952–1957, Helvetiaplatz Zürich

Der Hauptgrund hierfür ist, dass Erträge aus der Finanzwirtschaft lukrativer sind als jene aus der Realwirtschaft. Deswegen sind nicht die von Menschen erwirtschafteten Güter und damit die Menschen selbst wichtig. Nein, diese werden immer verzichtbarer.

An der Regulierung der Finanzmärkte muss angesetzt werden, wenn auf die aktuell bleibende ideologische Frage — wer ist wichtiger: die Rendite oder die Menschen — die richtige Antwort gegeben werden soll.


Bankrun

29. Juni 2015

Falls in der Schweiz ein Run auf die Franken-Automaten anstünde, wäre er wahrscheinlich eher gesittet, wie das hilfsbereite Post-it eines Bankomaten-Kunden erahnen lässt. Ausserdem beruhigend: das Land besitzt sowieso mehr als genug Geldreserven.

Bankomat, Geldautomat leer, Schweizer Höflichkeit, Sozialkompetenz

Zudem wird der Eidgenosse ständig daran erinnert Vorräte anzulegen «Kluger Rat — Notvorrat», wobei der Armeechef natürlich mit gutem Beispiel stets vorweg marschiert. Gut, der letzte Sonnensturm ging nochmal glimpflich ab, aber steht nicht der Russe Flüchtling Grieche bereits draussen vor der Türe?

unfuck greece, greece 2015, EU, Euro 2015


Kuschelkreuz

22. Mai 2015

Während der Deutschschweizer Reformator Huldrych Zwingli selbst noch die eher harmlosen Orgeln aus den Kirchen entfernen liess, standen Bildersturm und Feierlaune im Lutherland in einem viel ausgewogeneren Verhältnis. In reformierten Kirchen der Schweiz findet man bis heute kaum ein Kreuz, geschweige denn ein Kruzifix. Fast 500 Jahre nach dem Big Bang gibt es aus dem grossen Kanton nun das wattierte Symbol für den gutmenschlichen Preis von knapp 100 Euronen. Abgesehen von der pekunären Chuzpe ist rein figürlich betrachtet das Ganze eine überraschend gelungene Demaskierung der protestantischen Ethik im Geist des Kapitalismus, n´est-ce pas?

the snuggle cross, free jee, Kuschelkreuz, Ralf Kopp, freeJee

Kunst sells.


Maifeier

3. Mai 2015

Der Musik-Gottesdienst im Offenen St. Jakob stand ganz im Zeichen von Freiheit, Widerstand und Anarchie. Derweil der musikalische Spannungsboten von „Die Gedanken sind frei“ über „Bella Ciao“ bis zur „Internationale“ führte, las der selbstbewusste Pfarrer der selbstoptimierten Leistungsgesellschaft leidenschaftlich die Leviten, da jene offensichtlich und vordergründig völlig entspannt die permanente Auto-Ausbeutung propagiere und durchsetze. Ein klares (äusseres) Feindbild gehe bei diesem subversiven Mechanismus völlig abhanden und bei Auflehnung kehre sich die Energie destruktiv nach innen und generiere die zeitgenössische Depression, den Burn-Out.

Als Gegenentwurf wurde ein herrschaftsloser Zustand der Anarchie skizziert, sowieso eingeschränkter Konsum und mehr Mut zur Freizeit. Selbst bei der Kollekte betonte der Vortragende, dass es vermutlich besser sei einfach einem Bedürftigen auf der Strasse das Geld in die Hand zu drücken, als damit den Opferstock zu füttern. Die kleine Gemeinde war durchwegs beeindruckt von dieser Maifeier und der Hobbyschweizer trällerte zum Feierabend noch fröhlich den Refrain von Solidaritätslied…


Budgetkult

19. April 2015

Executive Summary*

Im Jahr 1996 lancierte die Migros mit M-Budget eine Eigenmarke der tiefsten Preiskategorie. Die Einführung dieser Billiglinie war mit dem Ziel verbunden, die eigene Wettbewerbsposition im Discount-Bereich zu stärken und damit eine Abwanderung der preissensiblen Kundschaft zur zunehmenden Konkurrenz zu verhindern. Gleichzeitig sollten die Grossfamilien und die weniger kaufkräftigen Haushalte finanziell entlastet werden. Dadurch, dass einzelne Produkte von M-Budget in den Qualitätstests von Kassensturz und K-Tipp immer wieder gute Ergebnisse erzielten, oder die Konsumenten selbst positive Erfahrungen mit M-Budget machten, wurden die Produkte immer häufiger auch von anderen Schichten gekauft und bald in der ganzen Bevölkerung beliebt. Eine eigentliche Zielgruppe existiert deshalb heute nicht mehr. M-Budget wurde mit einem guten Preis-Leistungsverhältnis verbunden und als eine Marke wahrgenommen, die bewusst auf ein aufwändiges Design und eine teure Warenpräsentation verzichtet, um trotz tiefer Preise eine angemessene Qualität anbieten zu können. Als das M-Budget-Sortiment ab Ende 2003 erstmals um einzelne Gebrauchsartikel erweitert wurde, die nur in limitierter Auflage erhältlich waren, brach, vor allem unter den Jugendlichen, eine regelrechte M-Budget-Euphorie aus. Die Migros begriff schnell, dass diese Artikel besonders bei den Jugendlichen gut ankommen und richtete die Sortimentserweiterungen deshalb gezielt auf diese Gruppe aus.

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Neben einem Snowboard, einem Skateboard oder einem Prepaid-Angebot für Handys, wurde eine Party-Serie gestartet, die über mehrere Jahre in allen grösseren Schweizer Städten Halt machte. Gleichzeitig brachte die Migros das Wort Kult in Umlauf und nutzte den Hype unter den Jugendlichen aus, um M-Budget als Kultmarke zu verkaufen und diesen Begriff zu verbreiten. Dazu wurde im Internet ein M-Budget „Kultshop“ eingerichtet, in welchem es Kleidung und Accessoires im M-Budget-Design und zu M-Budget-Preisen zu erwerben gab. M-Budget wurde schnell in der ganzen Schweiz als Kultmarke anerkannt und auch in den Medien wurde dieser Begriff im Zusammenhang mit M-Budget oft verwendet. Dabei schien sich niemand ernsthaft Gedanken zu machen, woher dieser Begriff kam und was er überhaupt bedeutet.

Laut Definition wird Kult als die Verehrung einer Gottheit angesehen und die damit verbundenen spirituellen Handlungen in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt. Nach heutigem Verständnis und auf die Markenwelt angewendet nimmt der Begriff eine etwas andere Bedeutung ein. Demnach muss eine Marke, die einen Kultstatus erreichen will, über eine klare Identität und Persönlichkeit verfügen, eine eindeutige Einstellung repräsentieren, also Ausdruck eines bestimmten Lebensstils sein, und in der Wahrnehmung einer bestimmten Gruppierung dauerhaft eine Sonderstellung einnehmen. Dazu braucht es neben einer überzeugenden Qualität und einer klaren Positionierung auch immer eine gewisse Kreativität. Die Marke muss sich also mit etwas Ungewöhnlichem von der Konkurrenz abheben. Oftmals steht dabei eine Ästhetik im Vordergrund, die mit den gesellschaftlichen Normen kollidiert und nur eine subkulturelle Gruppe anspricht. Wichtig ist auch ein über viele Jahre oder sogar Generationen beständiger und einheitlicher Auftritt, denn nur eine Marke, die eine aussergewöhnliche Idee langfristig erfolgreich umsetzt, kann eines Tages einen Kultstatus erlangen.

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Die Migros hat die zunehmende Preisorientierung der Konsumenten Ende der 90er Jahre frühzeitig erkannt und mit der Lancierung von M-Budget ein Zeichen gesetzt. Durch den grossen Sparcharakter konnte M-Budget viele Sympathien gewinnen. M-Budget ist in der ganzen Schweiz bekannt und verfügt über eine angemessene Qualität. Das Image von M-Budget in der Öffentlichkeit ist grösstenteils positiv. Darüber hinaus verfügt die Marke über eine klare Persönlichkeit und konnte in der Vergangenheit immer wieder mit der kreativen Umsetzung ihrer Idee punkten. Das spezielle Design von M-Budget hebt sich zudem deutlich von Konkurrenzprodukten ab, beinhaltet eine gewisse Selbstironie und wird von der breiten Masse eher als unästhetisch wahrgenommen. Darüber hinaus könnten die M-Budget-Parties durchaus als Kultrituale, Verehrung und Pflege der Marke an gesehen werden. Die Grundvoraussetzungen zur Erreichung von Kultstatus wären bei M-Budget also durchaus gegeben.

Wurden während dem M-Budget-Hype die Jugendlichen, die die Marke oftmals regelrecht gelebt haben, als Hauptzielgruppe und mögliche Kultanhängerschaft in den Mittelpunkt gerückt, ist M-Budget inzwischen auch bei dieser Gruppe zum Alltag geworden, da die Überraschungseffekte seitens der Marke ausblieben und einige Konkurrenzanbieter mit zu ähnlichen Konzepten in den Markt drängten. Zudem wurde das Sortiment mit aktuell 652 Produkten zu unübersichtlich, wodurch die Marke ihren speziellen Reiz verlor. Die Sonderstellung von M-Budget in den Köpfen der Jugendlichen verschwand und die Kernzielgruppe als dauerhafte Pfleger und Verehrer der Marke löste sich auf. Heute wird die Marke zwar immer noch von grossen Teilen der Bevölkerung geschätzt, doch nimmt M-Budget längst keine herausragende Stellung mehr ein, wird weder verehrt, noch als aussergewöhnlich empfunden, da zu viele vergleichbare Angebote existieren. Der Marke M-Budget kann deshalb kein Kultstatus zugeschrieben werden.

* Marketing Analyse am Institut für BWL der Universität Zürich


Konsumkritik

20. Oktober 2014

Sklaverei in der Komfortzone (getabstract)
Man stelle sich eine Gesellschaft vor, die unter einer Glaskuppel lebt. Ihre Mitglieder arbeiten, schlafen, lieben und konsumieren in dieser künstlichen Welt. Natürlich läuft das Leben nicht immer friedlich ab: Es gibt schon mal Streit mit dem Nachbarn, dem Chef oder den Politikern. Aber dann greifen bewährte Mechanismen der Deeskalation und Konfliktlösung. Niemand käme auch nur im Traum darauf, einen Blick auf die andere Seite der Glaskuppel zu riskieren oder gar sie zu zertrümmern. Warum auch: Es geht allen doch ganz ausgezeichnet, selbst der Ärmste ist noch zufrieden. So ist das Leben in der Komfortzone. Das ist keine Science-Fiction à la Brave New World oder Matrix, sondern eine Gesellschaftsbeschreibung aus der Sicht von Herbert Marcuse. Seine Zeit: die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts. Marcuse zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die von den Annehmlichkeiten eines Systems – egal ob kapitalistisch oder sozialistisch – eingelullt wird und sich das gern gefallen lässt. Medien, Politik und Wirtschaft ziehen an einem Strang, um das Individuum zufriedenzustellen und zu unterdrücken. Die Konsumwelt aus Luxus, Medien und Waren ist getarnte Sklaverei. Eine beunruhigende Bestandsaufnahme des modernen Kapitalismus.

Der eindimensionale Mensch wird 50 — nix wie hin.