Energieferien

21. September 2018

Junger Mann, das jüngste Werk von Wolf Haas ist verschlungen und verdaut. Vielleicht nicht ganz das Niveau von Das Wetter vor 15 Jahren, doch dramaturgisch gekonnt orchestriert und mit dem bekannten Cartoonartigen Haas´schen Schmäh, der das Lesen so amüsant macht.

Mein Gesicht war so heiss, dass mir der Kaffee leidtat, als er sich an meinen Lippen verbrannte.

Der Abriss aus der Adoleszenz des Ich-Erzählenden Protagonisten wird empfindsam, aber deutlich spür- und erkennbar, unausweichlich bleibende Peinlichkeiten mit der nötigen sprachlichen Feinheit dargestellt. Der 70er Hintergrund erstrahlt frisch leuchtend in Orange trotz lungernder Ölkrise. Der Autoput ist noch in Југославија und der Balkan per se ein irritierendes Faszinosum. Statt Hautunreinheiten wird Gewicht problematisiert, die erste Liebe scheint zart durch vereiste Scheiben und nach erfolgreicher Lebensrettung gibt es ein prachtvolles Happy End.

Rückwärts durch die Knie betrachtet war die Welt schon immer am interessantesten.

Den Haas muss man lesen und kennen – unbedingt empfehlenswert!

Lisboa, Joken

Elsewhere.

(Pic by Joken)

 

 

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Deutschrand

17. September 2018

Der Begriff Heimat hat Hochkonjunktur. Dabei wäre Heimat da am konkretesten, wo ich mir eine Wohnung leisten kann.

Der Begriff der Heimat hat seine Unschuld verloren, er ist nicht mehr nur eine harmlose Form der sentimentalen Selbstverortung, sondern ein Begriff der politischen Abschottung geworden. In dieser Eigenschaft wird er von den Kosmopoliten auch kritisiert, die dagegen Weltoffenheit und Toleranz halten. Allerdings ist das nicht weniger weltfremd, da Solidarität stets auf soziale Exklusivität angewiesen ist. Es gibt keine solidarische Weltgemeinschaft

Koppetsch, Hamburg, Heimat, Fraktur

Die Kosmopoliten nutzen andere Möglichkeiten der Abschottung?

Sie bewohnen die attraktiven Kieze und Innenstadtquartiere, die inzwischen so hohe Mieten und Immobilienpreise aufweisen, dass sich soziale Exklusivität wie von selbst einstellt. Zu den wirkungsvollsten kosmopolitischen Grenzanlagen gehört die kapitalistische Ausrichtung des Lebensstils. Kulturelle Offenheit wird somit kompensiert durch ein hochgradig effektives Grenzregime, das über Immobilienpreise und Mieten, über ein sozial und ethnisch hoch selektives Bildungswesen sowie über den Zugang zu exklusiven Freizeiteinrichtungen und Clubs gesteuert wird. Die Abgrenzung erfolgt nicht nach außen, denn hoch qualifizierte MigrantInnen sind hier selbstverständlich willkommen, sondern nach unten.

Für die Kosmopoliten, die Welterfahrenen, bedeutet Heimat allenfalls die Liebe zum regional produzierten Schwarzbrot?

Ja, und die Heimatsuchenden betrachten sie mit Herablassung. Aber sie haben gut reden, da sie zumeist keine Berührungspunkte mit Migranten aus dem globalen Süden aufweisen. Die Perspektive auf die Dinge ändert sich umgehend, wenn ich mit Asylsuchenden in Konkurrenz um Sozialtransfers, Wohnungen, Sexualpartner oder Jobs treten muss.

(Soziologin Cornelia Koppetsch in einem TAZ-Interview, Juli 2018)


Premier Août

1. August 2018

SGG Sitzkissen

Heuer wurde die Landeshymne auf dem Rütli sogar auf Gebärdensprache intoniert, welche vor dem anwesenden Bundespräsidenten als künftig zusätzliche Landessprache gefordert wurde. Multilingualweltmeister CH.

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Café Srebrenica

11. Juli 2018

Nomadisches Mandala im Kreis Cheib:

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Just a bug

24. Mai 2018

Aus noch unbekannten und nicht völlig geklärten Gründen wurde mein Handyanschluss erst von allen ausgehenden Anrufen und Nachrichten unvermittelt abgeklemmt. Zunächst konnte der Apparat noch Telefonate und Nachrichten empfangen und war so immerhin noch Teil des gesprächsbereiten Kosmos. Als kurz darauf dann auch sämtliche eingehenden Signale abgeschaltet wurden (à la «kein Netz»), fühlte sich dies schon etwas arg seltsam an. Sozialkredit überzogen? Ach Zukunft.

Bug, Goldglänzender Rosenkäfer

Dem digitalen Nomaden ist im ersten Moment keineswegs klar, welcher Pfad durch dieses unendlich erscheinende Funkloch führen soll, bevor sich abermals ein kommunikatives Wasserloch auftut, in dem er endlich wieder geborgen im endlosen Geblubber beglückt aufgeht. Erst durch den Verlust der mobilen Unabhängigkeit wird deutlich, wie abhängig man von dieser ist. Keine 2-F-Authentifizierung, keine kurzfristige Verabredung, kein empfangsbereites Vagabuntentum, kein Fastgarnichts. Gross genug um noch die gute alte Zeit der handapparatlosen Verbindlichkeiten zu kennen, weiss ich, dass temporärer Netzverlust nicht das absolute Inferno ist, doch genau so fühlt es sich an. Zumindest nach drei Tagen schon. Allmählich entnervt und nicht mal die eigene Festnetznummer kennend wird deutlich, dass es ohne funktionierende SIM nicht wirklich geht in dieser doch sehr fragil angelegten Simulation. Es ist sicherlich kein Weltuntergang, keine erdgewande Sonneneruption, kein Meteoriteneinschlag oder präsidialer Fehlgriff, sondern ein schlichter Einzelfail frei nach Murphy’s Law, ein nur ganz kleiner und unscheinbarer aber entlarvend schöner Bug, der jedoch mächtig wurmt.


Psycho Killer

20. März 2018

Psychometrie, manchmal auch Psychografie genannt, ist der wissenschaftliche Versuch, die Persönlichkeit eines Menschen zu vermessen. In der modernen Psychologie ist dafür die sogenannte Ocean-Methode zum Standard geworden. Zwei Psychologen war in den 1980ern der Nachweis gelungen, dass jeder Charakterzug eines Menschen sich anhand von fünf Persönlichkeitsdimensionen messen lässt, den Big Five: Offenheit (Wie aufgeschlossen sind Sie gegenüber Neuem?), Gewissenhaftigkeit (Wie perfektionistisch sind Sie?), Extraversion (Wie gesellig sind Sie?), Verträglichkeit (Wie rücksichtsvoll und kooperativ sind Sie?) und Neurotizismus (Sind Sie leicht verletzlich?). Anhand dieser Dimensionen kann man relativ genau sagen, mit was für einem Menschen wir es zu tun haben, also welche Bedürfnisse und Ängste er hat, und aber auch, wie er sich tendenziell verhalten wird. Das Problem aber war lange Zeit die Datenbeschaffung, denn zur Bestimmung musste man einen komplizierten, sehr persönlichen Fragebogen ausfüllen. Dann kam das Internet. Und Facebook.

(aus: Tagesanzeiger Zürich)

Die Skandalisierung erschöpft sich, der Euphomismus ist asbach1984alt:

Tim Pritlove: «Um US-Präsident zu werden braucht es anscheinend zwei Dinge: Facebook und viel Geld. Zuckerberg hat von beidem reichlich.»


Urban Prayers Zürich

4. März 2018

Bereits die im Bayrischen Rundfunk von 2014 gesendete Hörspielfassung war eine genüssliche Offenbarung. Der globalisierte Chor der Gläubigen fragt im Stück von Autor, Dramatiker und Theatermacher Björn Bicker die Ungläubigen, das Publikum und sich selbst offen, direkt und provokativ:

Was glaubt ihr denn. Wer wir sind.
Was wir glauben. Was glaubt ihr denn. Wer wir sind.
Wo wir wohnen.
Wo wir schlafen.
Wo wir arbeiten.
Wo wir beten.
Wo wir uns zeigen.
Wo wir uns verstecken. Wovon wir schweigen.
Worüber wir sprechen. Leise. Freundlich. Niemals zu laut.
Was glaubt ihr denn, wo es einen besseren Platz geben könnte.
Was glaubt ihr denn, wo wir nicht stören. Wo wir stören.
Wo wir uns treffen sollten.
Wo wir Euch begegnen könnten.
Wo wir euch begegnen wollen.
Wo wir euch nicht begegnen wollen.
Was glaubt ihr denn, wer ihr seid.
Was glaubt ihr denn, wer wir sind.

Verhandelt wird die City of God, die weitgehend im verborgenen ablaufende Verdichtung der Privatsache Glauben im grossstädtischen Umfeld, einer quasi pseudo-paradiesischen Megalopolis. Wo im Abendland das Morgenland aufgeht, wo christliche Tradition leise vergeht und doch besteht. Wo mehr über- als miteinander gesprochen wird. Der sichtlich multiethnisch und multireligiös aufgestellte Chor ist beim Auftakt des Zürcher Reigens in einer Hinterhofmoschee auf einem kleinen Catwalk untergebracht. Das Publikum hockt in Socken auf dem Teppich. Nach dem Gebetsruf des hauseigenen Imams tritt das Ensemble des Theaters am Neumarkt aus dem (Laien-)Chor ins Publikum hinein und nimmt dort gekonnt variirend teils völlig diametrale Positionen ein, um diese gleich wieder mit und unter den Mitspielern ein- und auszutauschen. Eben noch Jude, und schon Buddhist, gerade noch Katholik und bereits reformiert, doch gerne Schweizer. Nur: Tamilischer Schweizer oder Schweizer Tamile? Gegenteiliges wird von derselben Figur kundgetan, und dann treffen sich alle wieder im Chor, der jetzt nicht mehr einstimmig sondern vielstimmig und nu­an­cen­reich tönt, um sich alsbald aufzulösen, um sich später wieder zu finden. Bicker hat den Text geschickt für die Schweizer bzw. Zürcher Verhältnisse adaptiert, Minarettverbot und Parkplatznot sorgen für heitere Lacher. Aber nichts im Stück ist lächerlich, zu Ernst ist die Sache. Die Abstraktion, Reduktion und Verallgemeinerung auf den Glauben — früher Türke heute Moslem, ach ihr Christen — heizt die Lage und hetzt die Menschen auf und erzeugt zusammen mit jedwedem Fundamentalismus ein Klima der Furcht, obwohl im Grunde doch nur das miteinander Teilen wirklich zählt und im Vordergrund stehen sollte. Und die Liebe.

Der Auftakt war vielversprechend, Theater am und vor Ort hat halt besondere Wirkmacht. Die Compagnie zieht weiter durch diverse Zürcher Gotteshäuser, Tempel und andere Kultstätten und wird zum Abschluss den Jakob missionieren. Ick freu mir schon.


Heulsuser

5. September 2017

Theodizee oder wat? 

Strahlenbad

17. August 2017

Die Harmlosigkeit der Natur übertüncht den hässlichen Ausschlag von Armut, Ausländerfeindlichkeit und Provinzialität. Spürbar, sichtbar und doch sanft eingebettet in das grosse Ganze, in Hügel und tiefe Wälder, Kuhglockengebimmel und meckernde Ziegen, jagende Fledermäuse und rauschende Bäche, äsendes Rotwild und grau harrenden Fischreihern.

Stahlbad, Schwarzwald 2017, Bad Peterstal

Entschleunigung und Prokrastination bekommen artgerechten Auslauf. Putzi & Schmutzi auf Tour: The kids are alright – Kinder brauchen Kinder und ich habe Zeit zum brummen und für den Gesundheitsschnaps, den die trachtengewandete Brennersfrau empfiehlt. Jaja, heute seien alle so auf Gesundheit und Fitness konditioniert, dabei sei ein guter Blutwurz halt verdauungsfördernd und der Meerrettich dort blutreinigend. Meerrrettichschnaps, Schwarzwald, SchnapsDie Dosis sei ja entscheidend, aber Schnaps habe eben einen eher schlechten Ruf heutzutage. Dabei ist der örtliche Champ vielfacher Medaillengewinner bei diversen Spirituosen-Tests und die letztjährige Zwetschge — mit absolut verdienter Goldmedaille — ein wirklich würdiger Vertreter von Land und Leuten, da bekommt der sommerliche Verdunstungsnebel gleich eine positiv besetzte Note.

Unlängst in den Schweizer Kolonien wurden die Mazeration und das Brennen von Spirituosen noch arg laienhaft verhandelt, leidlich befeuert von den 130 Kartäuser Kräutern, welchen ich selbst mitgebracht ausgiebig frönte. Eine leicht befreundete Gartenliebhaberin mit serbischen Wurzeln schien sich spirituell mindestens ebenso gut auszukennen und wollte demnächst, dereinst jedenfalls einmal einen Brennkurs belegen. Ich war nahe dran den Brennofen des offenkundigen Schwarzwälder Meisterbrenners zu besuchen, alleine das arg trübe Wetter und die Verkostung machten mir etwas Sorge. Erziehungspflichten plus Vorbildfunktion gleich demnächst.

Der Wiedereintritt in die heimischen Atmosphäre war heftig, die Bremsfallschirme versagten und die Nachbarin verbat sich die Ruhestörung durch die Fugees. Grüezimiteinand. Zum Glück der Literaturtipp aus Berlin, passenderweise ein zuletzt dort lebendiger Autor, den ich bloss vom Querlesen des Feuilletons her kannte, weil er sich Hirnkrebstodeskrank plangemäss selbst erlöste. Das verfilmte Buch Tschick interessierte mich thematisch nicht, an den Auftritt in Klagenfurt konnte ich mich nicht erinnern, obwohl ich jahrelang die auf 3Sat zelebrierte Vivisektion mit klammheimlicher Freude sogar genoss. In Plüschgewittern ging an mir völlig vorbei, gehörte schlicht nicht zur der zeitgenössischen Posse, meine adoleszente Selbsterfahrung lag seit den 80ern glücklicherweise weit hinter mir. Intellektuelle Unbedarftheit gepaart mit generationsbedingter Ignoranz also. Sand wurde von Vorleserin Tiger empfohlen, und ich forschte erstmal im Netz. Kam auf des Autors Blog «Arbeit und Struktur», in dem er die Zeit zwischen erkannter Erkrankung und selbst gewähltem Tod unbarmherzig und witzig zugleich beschreibt. Nein, auch nicht mein Thema, zumal das ungute Ende leider bereits feststeht und man für die Katharsis selber zuständig ist. Wobei ich mir momentan nicht völlig sicher bin, was denn überhaupt mein akutes Thema ist. Etwa Dauerbrummen?! Der Trafikant war historisch angelegt, Die Hütte ungemein evangelikal, Der neue Berg unterhaltsam leicht letztjahrhundrig. Herrndorf da quasi Frischfleisch.

Beim ziellosen Flanieren dann, gleich neben dem Kafi Paradiesli in Hottingen, fast vorbei an einem 350 Jahre alten Haus mit Heimatschutzschild das interessierte, lag das gedruckte Blog als Taschenbuch gratis angepriesen auf einem Fenstersims zur freien Verfügung. Verblüfft las ich im Stehen jene Stellen die ich aus dem Internet bereits kannte, las das Impressum, ja, das ist der Kerl mit seiner Geschichte, war unschlüssig und äugte kurz durchs Fenster, wo eine Frau gerade ihr ebenerdiges Büro betrat, nickte ihr unmerklich zu und ging mit dem Buch in Händen ins Paradies.

Feigenbaum, Kronleuchter, Pradiesli

Dort hing ein Kronleuchter in einem Feigenbaum, ich platzierte mich darunter und las bis Seite 47, gute drei Jahre vor dem Ende, wo steht:

Wir treffen uns wieder in meinem Paradies
Und Engel gibt es doch
In unserem Herzen lebst du weiter
Einen Sommer noch
Noch eine Runde auf dem Karussell
Ich komm´ als Blümchen wieder
Ich will nicht, dass ihr weint
Im Himmel kann ich Schlitten fahren
Arbeit und Struktur

Hm. Das Todesurteil hat ein jeder im Gepäck, nur geht das gerne vergessen. Also ein Sterbejournal im Spätsommer, passt schon irgendwie, roll ich das Feld halt von hinten auf, schon weil ichs kann. Just in der Zeit des Krebsblogs («Was Status betrifft, ist Hirntumor natürlich der Mercedes unter den Krankheiten. Und das Glioblastom der Rolls-Royce. Mit Prostatakrebs oder einem Schnupfen hätte ich diesen Blog jedenfalls nie begonnen.») hat Herrndorf wie mit Vollgas auf der Überholspur sowohl Tschick wie Sand geschafft, Respekt.

Die angehende Meerjungfrau brachte mich wieder ins Jetzt. Blogs sind zwar mittlerweile ziemlich out und meist gewöhnlich, aber nicht völlig grundlos. Dieses hier ist auch für Stella Marie, weil das Netz nichts vergisst und alles bei Bedarf wiedergibt.


Kesselbrüder

8. August 2017

Angezündet von den Schwarzwälder Illuminaten pilgerte der Sommerfrischler über den Buckel Richtung Kloster Alpirsbach, um den leibhaftigen Bierbären zu treffen. Schmale Landstrassen in unübersichtlicher Waldgegend sind nichts für den ungeübten Beifahrer und der Oberbär ist mit über 80 manchmal etwas arg spät auf der Bremse, was aber der Mercedes mit Elegance im Gegensatz zum Hobbybären nicht wirklich übel nimmt. Egal, die Serpentinen waren geschafft, als Copilot wurde die non-digitale Karte richtig herum gehalten und das Ziel lag schön vor Augen. Kaum Bierbär, Alpirsbach, Schwarzwald 2017angekommen, sind die wabernden Ausdünstungen des Sudhauses der direkt in der Ortsmitte knapp neben dem Kloster befindlichen Kleinbrauerei mehr als deutlich wahrzunehmen. Im Gegensatz zum letzten Besuch vor fast 50 Jahren gehen einem diese nicht mehr ganz so streng in die Nase, sondern machen eher Appetit auf mehr. In der Braugaststätte gibt es lukullisch artgerecht mit Käse überbackene Bierzwiebelsuppe gefolgt von Biermaultaschen. Beides mundet, der würzige Biergeschmack passt zu den eher rustikalen Gerichten perfekt. Dazu das tiefgüldene Spezial vom Fass, alles bingo soweit. Nach der Gaststube dann eine Schnellbegehung der Klosteranlage, muss ja schliesslich nicht jeden Tag unbedingt in die Kirche…

Vor der Brauerei dann der alte Schlosser, langjähriger Pensionär mit Mitteilungsbedürfnis. Er sitzt gemütlich auf einer Holzbank direkt vor seiner alten Wirkungsstätte, die später zu einem Brauerei-Showroom umfunktioniert wurde. Fit mit Bier, Alpirsbach, Schwarzwald 2017Sein Leben lang hätte er in der Familienbrauerei gearbeitet, zu fünft waren sie in der Schlosserwerkstatt. Der Patron legte Wert auf Mitgliedschaft in der Gewerkschaft und die Versammlungen zum 1. Mai in der Sporthalle waren Pflicht. Oha, musste der Familienbetrieb mit der Übernahme von den Klosterbrüdern etwa ein elftes Gebot erfüllen? Bis heute gäbe es noch den Betriebstrunk, also eins zwei Kisten Bier gratis pro Monat unetikettiert für die noch aktive und bereits passive Belegschaft. Bravo. Und ausserdem Betriebsrente. Auch nicht schlecht. Der Ex-Schlosser wusste noch von der Wasserqualität zu berichten (so weich, dass die Brauer Kalk zusetzen mussten) und hatte noch die eine oder andere deftige Anekdote auf Lager, über die hier aber geschwiegen werden soll. Zudem keimte der absurde Gedanke, der Rentier könne womöglich fürs Erzählen noch zusätzliches Gnadenbrot erhalten, stricke so quasi semiprofessionell an der noch lebenden Legende. Hm.

Dann endlich stand ich vor dem berühmt-berüchtigten Alpirsbacher Ur-Bierbär, dem immersprudelnden Quell all meiner Inspiration. Bierbär, Alpirsbach, Schwarzwald 2017Bierbär, Alpirsbach, Schwarzwald 2017Voller Ehrfurcht bewunderte ich den Stoiker und Kesselbruder. Ein fast übernatürlich jäher Harndrang setzte der mentalen Ergötzung ein abruptes Ende. Zum Glück hat die Reformation für zweckdienliche und vor allem öffentliche Bedürfnisanstalten gesorgt. Anschliessend probierte ich dann im Museumsshop mein weiteres Glück, welches ich in dem einen und anderen Klein-Tragerl auch tatsächlich fand. Für den Berliner Bierbär war sogar ein weiteres Vesperbrett käuflich. Demnächst vielleicht mehr vom wandelnden Gesundheitsbären, dem unvermittelt eine Schnapsidee kam.